Sämtliche hohen Künste der literarischen Performanz, die die Meisterschaft einer Lesebühne bewahrheiten, wurden in der fulminant präsentierten März-Ausgabe von T.o.R. dem Publikum zu Gehör und vor die Augen gebracht. Man flog ins Licht und sauste Richtung Dunkelheit, es wurde gelacht und geweint, erzählt und parodiert, gefräst und appelliert; irrlichternde Geschichten verwandelten das Moustache in ein magisches Karussell, welches sich um nichts anderes als die perfekte Abendunterhaltung drehte.

Mit Worten, die aus modifiziertem, hitzeresistentem Ikaruswachs geschrieben worden sind, schoss besonders Magda Woitzuck dem Publikum in Herz und Hirn und darüber hinaus in Richtung ersehnte Sonne. In der von unzähmbaren Ponys mit wuscheligen Mähnen durchrittenen, von manchen Insidern auch als “alpine Orzaks” bezeichneten Wildnis Niederösterreichs schmiedet Fräulein Woitzuck ihre erzählerischen Kleinode, die im Moustache zu Innsbruck verführerisch aufblitzten. Sie las aus ihrem neu erschienenen Erzählband Ellis. Eine Trilogie und lockte ins unheimliche Stampfen des Schiffmotors, welches in der Titelgeschichte die Kajüte erzittern lässt. Die Atlantik-Überfahrt wird zu einer Wandlung, an deren Ende nicht nur die Ankunft in New York und neue Namen, sondern auch die ersten leidvollen Erfahrungen von Tod und Sünde stehen. Sich diesem Sog der Erzählungen zu überantworten, sei wärmstens empfohlen und daher mit Vehemenz auf das Buch verwiesen.
Wie nicht anders zu erwarten griffen die vier Lesebühnenveteranten in der Manier ausgefuchster Hasen jene Themen auf, die unser aller Gegenwart prägen wie Brandeisen:
bundesheerliche Hengste: Stefan Abermann präsentierte einen alternativen Morgenappell, nach Benko-Kakao und Marmeladenbrot werden Gewehre im Plüschmantel verpackt, „der Mund ist das Gewehr des Gesichtes“ gibt der eifrige Vizeleutnant den empfindsamen Rekruten mit ins Schlachtfeld, schließlich geht`s auch beim Heer immer nur ums Reden und um die Gefühle. Darauf servierte Abermann Vorschläge, wie die Pferdefleischkrise sich ins Positive wenden ließe, indem z.B. McStallion und Pony2go bei einer von DJ Ötzi beworbenen Fastfood-Kette angeboten werden. Als weitere Folge des equidaesken Aufstiegs in der Nahrungskette gewinnt Hugo Simon ein Comebackrennen auf der Almkuh Resi, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
metallene Paviane: Der einzige Lesebühnestammleser mit einer halbwegs absolvierten Militärkarriere ist übrigens Robert Prosser, der als Gebirgsjäger zu St. Johann gezwungenermaßen der Landesverteidigung frönte. Prosser erzählte von einer Tierart, von der man nie genug hören kann, sind wir uns ehrlich, nämlich von Pavianen, die während des Burenkrieges in Südafrika einen Exiltiroler und einen morphiumsüchtigen Dichtern beim Laudanumkochen begleiten. Die körperliche Entgrenzung wurde auch im zweiten Text gesucht, in welchem ein Schwertschlucker in die hohe Kunst einführte, sich Metall in den Rachen zu stecken, um Thorax, Zwerchfell, Cardia mit Leichtigkeit zu überwinden und tief im Magen das Glück zu entdecken.

intime Heiligsprechung: Markus Koschuh schlüpfte in die Stimmbänder Van-Staas, der Wallnöfer den Heiligenschein verpassen will. Ein Platz unter den schwarzen Manda ist reserviert, unter linguistischen Parodieverdrehungen wurde in der Politkerrede auch das Institut für Germanismus bemüht, um in sieben Gründen die Rückübertragung des Agrarbesitzes zu verhindern. Auf diese in Schauspiel und Wortlaut einwandfrei treffende Persiflage folgte eine berührende Geschichte über eine Postkarte, die dem schlafenden Koschuh im Zug nach Zürich aufs Knie gelegt worden war, als flammender Monolog an eine heimliche Verehrerin: „gib mir ein Zeichen, mache mir deinen Namen zum Geschenk“.
kaiserliches Gefräse: Martin Fritz fügte der Romantik noch ein Schippchen hinzu und stellte seinen Entwurf für den vierten Sissi-Film vor. In diesem überbordenden Skriptentwurf übt die Prinzessin heimlich Mambo, wird Brasilien von Soldaten erobert, die alle von Nicolas Cage verkörpert werden, und liegt unter der Hofburg der Zugang zur Hölle, welchen Rolemodel Christopher Waltz öffnet, um Wien und Kaiserreich ein Zombie-Vampir-Einhörner-Gemetzel zu bescheren. Darauf gabs einen Text der zenbuddhistischen Gleichmut, als Besitzer einer Schneefräse berichtet Fritz darin vom bescheidenen, sanften Fräsen auf dem kleinen, überdachten Wohnungsbalkon, er fräst und fräst einen Zentimeter vor und einen zurück, bis die Gedanken leicht wie Schneeflocken und ebenso widerstandslos ins Nichts schmelzen.
Es gab ferner ein vielversprechendes Openmic von Rebekka, die eine Brandrede wider die gesellschaftliche Oberflächlichkeit zu bieten hatte und mit dem Wissen entlohnt wurde, dass eine Lesebühne kein Slam ist. Der angeprangerten Verlogenheit von Küsschen links, Küsschen rechts zum Trotz verabschieden wir uns in exakt dieser Art, also Küsschen links, wehrte Leser und Leserinnen des Nachberichtes, Küsschen rechts, und weil wir in Tirol und Verfechter der freien Liebe sind, gibt es noch ein zweites Küsschen links und eines auf den Mund obendrauf.

Trinkt also Benko mit Laudanum und träumt vom Paradies, denn allesamt sind wir Froschprinzessinnen, die mit Sicherheit am 11. April von Theresa Hahl wachgeküsst werden.
Facts by Christoph Waltz: La T.o.R. prochaine on 11th April 2013, 20 a la hora en Moustache, con Theresa Hahl (Marburg). Tiam do gis revido! Ciukaze!